Ein vollendeter Künstler, grössenwahnsinnig vielleicht...

Michael Tilson Thomas, Dirigent und Komponist, im Magazin über:
Grasblätter von Walt Whitman (Hanser Verlag)

Ich lese viele Romane gleichzeitig, jetzt gerade wieder mal den «Doktor Faustus» von Thomas Mann, ein schwieriges Buch, selbst wenn man Musiker ist. Ein Buch, das mir immer wieder ein ungeheures Glücksgefühl verleiht, ist der Gedichtband «Leaves of Grass» (Grasblätter) von Walt Whitman, Mitte des vorletzten Jahrhunderts geschrieben. Es ist ein zentrales Werk für das Verständnis von Amerika; wir haben zwar Megastädte gebaut — aber mit den Weiten der Prärie im Kopf. In seinen freien Rhythmen geht es um alles, um Ideen aus Kultur, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Mystik. Ich kann Whitman überall lesen und bin sofort ergriffen, etwa bei diesen Zeilen:

«Ich hab noch in dem Sinn, wie wir einst an einem solchen durchsichtigen Sommermorgen lagen,
Wie du deinen Kopf schräg auf meine Hüfte legtest und dich
Sanft auf mir drehtest
Und das Hemd von meinem Brustbein zur Seite schobst und
Deine Zunge in mein entblösstes Herz tauchtest»

Whitman ist ein wirklich vollendeter Künstler, grössenwahnsinnig vielleicht, er war überzeugt, dass die «Grasblätter» die Bibel ersetzen könnten. Ich habe das Buch im College zum ersten Mal gelesen, die Professoren ahnten, welche Explosionen diese Verse in den Köpfen der Studenten bewirken. Also wurde er praktisch übergangen. Die Tatsache, dass ein Mensch überhaupt so sensibel
sein kann, hat ja auch etwas Beängstigendes. Immer das ganze Leben zugleich fühlen — man stelle sich das mal vor.

Das vorgestellte Buch Grasblätter von Walt Whitman (Hanser Verlag, 2009). Bestellen.

Besser als Venedig

Gion Mathias Cavelty, Schriftsteller, über:
Illuminatus! von Anton Wilson (rororo)

Die «Illuminatus!»-Trilogie von Robert Anton Wilson habe ich mit sechzehn Jahren im legendären Buchantiquariat «Narrenschiff» des von mir verehrten Komponisten, Dichters und Sängers Walti Lietha («Ds Vreni wo us em Fenschter luagt» ist sein bekanntestes Lied) in Chur gekauft.

Ich wollte alles über Geheimorden, halluzinogene Drogen, Verschwörungen, noch mehr Drogen, ausserirdische Mächte, die Gegenkultur der 60er Jahre, Anarchie, Sex, okkulte Wissenschaften, den Diskordianismus, Tantra-Yoga, Numerologie, Bewusstseinserweiterung, Erleuchtung, Paranoia et cetera erfahren, und Walti Lietha – in solchen Themen überaus bewandert – hat mir die «Illuminatus!»-Trilogie in die Hand gedrückt.

Ich habe sie nach Venedig mitgenommen, wo ich mir an drei Tagen die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen wollte.

Die drei Tage habe ich im Hotelzimmer verbracht. Lesend.

FUCK.

Das ist alles, was ich über dieses Werk sage. Ich bin ja nicht verrückt.

(Doch, noch etwas möchte ich sagen: Dan Brown und Konsorten – ihr seid ein müder Witz.)

P.S.: Nach der Lektüre von «Illuminatus!» bin ich Ministrant von Bischof Haas geworden.

Die vorgestellte Trilogie Illuminatus! von Robert Shea und Robert A. Wilson (rororo, 2006). Bestellen.

Das aktuelle Buch von Gion Mathias Cavelty Die Andouillette (Echtzeit, 2009). Bestellen.

Erfüllte Biographie – Erfüllendes Lesen

Lisa Feldmann, Chefredaktorin der «Annabelle», über:
Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki (DVA)

Unterhaltsamer als er wird nie wieder jemand über deutsche Literatur urteilen. Mein erster Kontakt mit Marcel Reich-Ranicki datiert entsprechend zurück in den Deutsch-Leistungskurs am Gymnasium: «Lauter Verrisse» hiess ein Bändchen, das unser verehrter Oberstudienrat Kopplin empfahl, um unsere Rhetorik zu schulen: «Besonders, wenn ihr jemanden negativ beurteilt, solltet ihr das in anständigen, gewählten, klugen Worten tun – Reich-Ranicki möge da als Vorbild dienen.» Recht hatte er. Der damalige Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte einen ausserordentlichen Ruf als Literaturkritiker – und sollte bald zur populären Fernsehfigur aufsteigen mit dem «Literarischen Quartett». Als Reich, wie ihn seine Freunde nennen, vor gut zehn Jahren eine Autobiographie vorlegte, war somit klar, dass diese qualitativ, aber eben auch kommerziell neue Massstäbe setzen würde. «Mein Leben», dass so tragisch-dramatisch beginnt wie das vieler jüdischer intellektueller Polen Anfang des 20. Jahrhunderts, nimmt nach den zweiten Weltkrieg einen wechselhaften, oftmals rasanten Verlauf. Erfüllter kann eine Biographie wohl nicht sein. Erfüllender selten auch Lektüre. Noch ein Buch Reich-Ranickis, von dem ich etwas gelernt habe: Über die Demut dem unentrinnbaren Schicksal gegenüber. Und über den unermüdlichen, offensiven Kampf gegen Literatur oder Musik – wenn sie denn schlecht ist und damit Zeitverschwendung.

Das vorgestellte Buch Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki (DVA, 1999). Bestellen.

Lebenslange Tierliebe

Elke Heidenreich, Literaturkritikerin, im Magazin über:
Doktor Dolittle und seine Tiere von Hugh Lofting (Cecilie Dressler Verlag)

Mein Leseleben begann mit einem kleinen dicken Doktor, der auch bei grösster Hitze im Urwald Frack und Zylinder trug. Er war Tierarzt, stammte aus Puddleby in England und konnte alle Tiersprachen. So war ihm auch rasch klar, dass der Ackergaul deshalb immer Kopfschmerzen hatte, weil er ständig in die Sonne gucken musste. Eine grüne Sonnenbrille schaffte Abhilfe.

Doktor Dolittle, so hiess der Mann, war gütig und geduldig, hielt sich eine Ente als Haushälterin und machte sich nichts aus Geld: «Es würde uns allen viel besser gehen, wenn man es nie erfunden hätte», sagte er. Er war meine erste grosse Liebe und lehrte mich, dass man mit Tieren sprechen kann und dass man versteht, was sie uns sagen wollen. Man muss nur zuhören.

Hugh Lofting hat den kleinen Doktor und seine Abenteuer erfunden, in Briefen an seine Kinder von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, wo ihn das Elend der sterbenden Pferde so erbarmte wie das der Menschen. Das Buch pflanzte eine lebenslange Tierliebe in mein Herz, und ich wünschte, ich hätte auch etwas von Dr. Dolittles Gelassenheit — wo ich schon ausraste, sagt er in aller Ruhe: «Man soll den Fuss erst dann zum Klettern heben, wenn man am Zaun ist.»

Dr. Dolittle half mir gegen meine Mutter, die der Ansicht war, man könne nicht gleichzeitig essen und reden. Das Stossmich-Ziehdich, ein seltenes Tier mit zwei Köpfen, das er entdeckt hatte, frass hinten und redete vorne. Geht doch!, sagte ich zu meiner Mutter und wünschte mir auch eine umsichtige Ente als Haushälterin. Sie antwortete: «Sonst noch was!» Dr. Dolittle hätte so etwas nie gesagt. Dafür liebe ich ihn bis heute.

Das vorgestellte Buch Doktor Dolittle und seine Tiere von Hugh Lofting (Dressler Klassiker, 2000). Bestellen.

Das aktuelle Buch von Elke Heidenreich Passione (Hanser, 2009). Bestellen.

Das Buch, das ich selber gerne geschrieben hätte

Christian Kracht, Schriftsteller, über:
Das weisse Buch von Rafael Horzon (suhrkamp taschenbuch)

Dieses Buch ist komisch und tieftraurig zugleich. Es folgt der Anweisung Aristoteles, die Erregung von «Jammern und Schaudern» (eleos und phobos) solle mittels des Handlungsaufbaus erfolgen und so durch die Mimesis beim Leser die Katharsis auslösen. Und es ist natürlich das Buch über Berlin, das ich selber gerne geschrieben hätte - nur leider bin ich nicht halb so talentiert wie Rafael Horzon.

Das vorgestellte Buch Das weisse Buch von Rafael Horzon (suhrkamp taschenbuch, 2010). Bestellen.

Das aktuelle Buch von Christian Kracht Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Kiepenheuer&Witsch, 2008). Bestellen.

«Tomorrow I have – you here same time»

Markus Ruf, Mitinhaber der Werbeagentur Ruf Lanz, über:
Der stille Amerikaner von Graham Greene (dtv)

1999 reiste ich für einige Monate nach Vietnam. Werbekampagnen aushecken, das konnte ich - damals noch freischaffend - auch von Saigon, Hoi An oder Hanoi aus. In Zürich füllte ich einen Koffer mit Kleidern und einen mit Büchern. Besonders freute ich mich auf «Der stille Amerikaner» von Graham Greene, das ich an den Original-Schauplätzen lesen wollte.

Der Koffer mit den Kleidern kam pünktlich in Saigon an, derjenige mit den Büchern blieb unauffindbar. Vielleicht haben gewisse Buchtitel den Argwohn der zensurfreudigen vietnamesischen Zollbeamten geweckt.

In diesem Fall hätten die strammen Kommunisten die Rechnung ohne das Improvisationstalent ihrer Bevölkerung gemacht. Am zweiten Abend sprach mich in Saigon ein kleines Mädchen an, ob ich westliche Zeitschriften, Bücher, Musik oder Filme kaufen wolle. Ich fragte, ob sie «The Quiet American» von Graham Greene habe. Sie lächelte nur: «Tomorrow I have – you here same time». Dann tauchte sie im Gewusel unter.

Am nächsten Tag überreichte mir das Mädchen sichtlich stolz das Buch. Es war ein Unikat, zusammengeleimt aus Fotokopien – als Vorlage diente die 1995er Ausgabe des deutschen Taschenbuch-Verlags. Dort, wo die Druckertinte die Buchstaben nicht mehr ganz einschwärzte (es wurde offensichtlich ziemlich viel kopiert in Saigon), hatten flinke Hände sie mit einem Filzstift nachgezeichnet. Der Umschlag bestand aus zwei Kartons, als Cover war eine gelbstichige Farbkopie darauf geklebt. Das Ganze war wie ein Schulbuch in eine transparente Schutzhülle geschlungen.

Ich war gerührt, gab ihr einen Betrag, für den ich in der Schweiz wohl eine Ausgabe aus handgeschöpftem Büttenpapier bekommen hätte und verzog mich in die Lobby des legendären Hotel Continental, in dem ein grosser Teil der Handlung spielt. Hier las ich den Roman, der mitten in den geographischen und politischen Dschungel Indochinas hineinführt. Im Zentrum steht der britische Journalist Thomas Fowler, ein Idealist, der den Kolonialkrieg mit kühler Distanz betrachtet. Er interessiert sich mehr für die asiatische Lebensart als für Politik, und seine vietnamesische Geliebte Phuong ist ihm wichtiger als alles andere. Doch er bekommt es mit einem hartnäckigen Nebenbuhler zu tun, dem jungen Amerikaner Alden Pyle.

Die schlauen Damen und Herren von der Literaturkritik haben das Buch so interpretiert: Fowler steht für die alten, kraftlosen europäischen Kolonialmächte, deren Zeit in Asien abgelaufen ist, die dies aber nicht wahrhaben wollen. Pyle steht für das beginnende Engagement der USA, welche die Situation komplett verkennen und naiv eine fatale Entwicklung in Gang bringen. Die junge Vietnamesin Phuong repräsentiert das vietnamesische Volk, um das die beiden ausländischen Akteure heftig buhlen.

Für mich ist das Buch eine berührende Liebesgeschichte, ein packender Krimi und eine geradezu visionäre politische Analyse, denn Graham Greene schrieb es bereits 1955. Das einzige, was meine Lesefreude im Continental etwas trübte, waren die vier Seiten, die beim Kopieren vergessen worden sind.

Das Exemplar aus der Edition Saigon ist natürlich trotzdem unverkäuflich. Ich kann Ihnen deshalb nur das Original empfehlen: «Der stille Amerikaner» von Graham Greene, in der Taschenbuchausgabe des dtv.

Das vorgestellte Buch Der stille Amerikaner von Graham Green (dtv, 2003). Bestellen.

Die Verlockung des Anderswo

Christoph Simon, Schriftsteller, über:
Lob der Reiselust von Nicolas Bouvier (Lenos Verlag)

«Es gibt Schriftsteller, die brauchen Geographien, und andere brauchen Konzentration: Reisende und Seher also. Ich gehöre zur Familie ersterer.» Wenige Jahre vor seinem Tod schildert Nicolas Bovier in «Lob der Reiselust» Begegnungen von unterwegs und lässt uns teilhaben an seiner lebenslangen «Ungeduld, die Welt zu erfahren».

Mit dem Segen seines Beamtenvaters, der nicht so viel gereist ist, wie er es sich gewünscht hat, und der zu seinem Sohn sagt: «Schau dich um, und schreib mir», zieht Bouvier los; auf der Jagd nach dem Leben, von dem er kiloweise haben will, obschon er ahnt, dass er «in dieser trügerischen Welt nur ein paar Gramm bekommen» wird. Nach der Rückkehr von seiner legendären Reise nach Afghanistan 1953/54, wird ihm klar, dass er all diesen Orient nicht in seinem Kopf speichern kann, «sonst würde er platzen wie ein überreifer Kürbis». Also beginnt Bouvier zu erzählen. Von Fernweh und Unrast. Von diesem Planeten, der weit überraschender, erstaunlicher, grausamer, bunter, grosszügiger sei als der «naive kolorierte Bilderbogen», den er sich von ihm gemacht habe.

In dreizehn wundervollen Texten würdigt Bouvier die «Verlockung des Anderswo». Er zahlt Schulden zurück an orientalische Geschichtenerzähler und an Gobineau, der ihm «das grosse Kolonialwarengeschäft der Adjektive geöffnet» habe. Er bricht eine Lanze für Sprichwörter,  die, im richtigen Moment plaziert, signalisierten, dass man die Komik oder den Ernst der Situation erfasst habe. Im Okzident komme ein Unglück selten allein, im Orient sei es «ein Wespenstich in einem weinenden Gesicht». Er muss ein schrecklich sympathischer Tourist gewesen sein, dieser Nicolas Bouvier.

Das vorgestellte Buch Lob der Reiselust von Nicolas Bouvier (Lenos Verlag, 2007). Bestellen.

Das aktuelle Buch von Christoph Simon Spaziergänger Zbinden (bilgerverlag, 2010). Bestellen.

Geschmack der Liebe

Buchvernissage: Ein literarischer Erstling mit Charme

Viele Frauen, denen Jost Auf der Maur in seinem Leben begegnet ist, haben ihm unvergessliche Gerichte gekocht, zubereitet in glücklichen Stunden. Nun erzählt er in zwölf Geschichten, wahr und zärtlich, wie es zu den kulinarischen Erlebnissen gekommen ist. Ein Glück, dass er die Rezepte aufgeschrieben hat: von der heiligen Tomatensuppe bis zum Risotto-Geheimnis von Breno. Liebesgeschichten zum Nachkochen. 

Donnerstag, 9. September, 19.30 Uhr
Türöffnung: 18.30 Uhr
Eintritt frei.

Das Buch Geschmack der Liebe von Jost Auf der Maur (Echtzeit Verlag, 2010). Bestellen.

Jost Auf der Maur, geboren 1953, aufgewachsen in St. Gallen, war Klosterschüler, Nachtwächter, Aushilfsbriefträger, Störkoch, Polizeireporter. Arbeitete später u.a. als Redaktor bei der Weltwoche (1986–1995), war Autor für die NZZ am Sonntag und schreibt heute für die Schweizer Familie. Mehrfach ausgezeichnet. Er lebt – inzwischen glücklich verheiratet – in Chur. Dieses Buch ist sein literarischer Erstling.

Portraits und Retrospektiven

Antiquar-Bar

In thematisch wechselnden Ausstellungen präsentiert Westflügel antiquarische Bücher. Monatlich eröffnet durch einen Abend, an dem Sie bei einem Glas Wein oder Whisky durch das neue Sortiment stöbern und Trouvaillen entdecken können.

Antiquar-Bar: Mittwoch, 8. September, 18.30 - 21.30
Ausstellung vom 9. September bis 5. Oktober 2010

Portraits und Retrospektiven sind Thema des Monats September. Zu finden sind unter anderem ein signierter Richard Avedon, eine erste amerikanische Auflage des gesuchten Cecil Beaton «The Best» mit Text von Truman Capote, frühe Ausgaben von Diana Arbus und Irving Penn. Bekanntes von Helmut Newton, William Klein und Edward Quinn. Fotobuch Raritäten ab dem Jahr 1960 mit vorwiegend englischen Ausgaben.

 

 

 

Das Buch als Medizin

Bibliotherapie: Diesen Monat mit Finn Canonica, Chefredaktor von Das Magazin und Stefan Zweifel, Literaturkritiker DRS und SF

Haben Sie ein Leiden, das Sie kurieren möchten? Liebeskummer, Stress, finanzielle Schwierigkeiten? Eine nicht erfüllte Leidenschaft, aufgestaute Wut? Oder hassen Sie Ihren Chef?

In der «Bibliotherapie» haben Sie 7 Minuten Zeit, Ihr Herz auszuschütten. Als Rezept werden Ihnen unsere Therapeuten ein Buch verschreiben, das Ihr Leiden lindern soll. Keinen Ratgeber und kein Selbsthilfe-Buch, sondern Weltliteratur.

Nächster Termin:
Mittwoch, 15. September 2010
, 19.00 bis 21.00 Uhr
In 7-Minuten-Intervalls.
Eintritt frei.

Bild aus der Serie «the power of books» von Mladen Penev