Erfinder und ihre Geistesblitze

Buchvernissage: 365 Erfinder

Buchvernissage: Mittwoch, 1. Februar, 19 Uhr
Westflügel, Im Viadukt 33, 8005 Zürich. Eintritt frei.

Was wäre unser Alltag ohne Gore-Tex, Auto und Kondome? Hinter jedem Ding steckt eine Geschichte. Auf die Idee Zuckerwatte kam ausgerechnet ein Zahnarzt. Den Würfelzucker verdanken wir einem blutigen Daumen, die Magenspiegelung einem Schwertschlucker. Hans-Martin Bürki-Spycher erzählt die 365 wahren Geschichten – von der Abhörwanze über Corn Flakes, Karaoke und Labello bis zum Klettverschluss und dem Zwiebelhacker. 

Hans-Martin Bürki-Spycher: 365 Erfinder.
Gebunden, 448 Seiten, 34 Franken. Illustriert von Markus Roost und Roland Hausheer. Bestellen.

Irgendwann wirst du den Band lesen und lieben

Der Stechlin von Theodor Fontane

Empfohlen von: Roger De Weck (SRG Generaldirektor)

Als Sechzigjähriger veröffentlichte er seinen ersten Roman «Vor dem Sturm». Zwanzig Bücher und zwei Jahrzehnte später erschien 1899 Fontanes letzter Roman «Der Stechlin».

Die Handlung? Keine. Der preussische Major ausser Dienst, Dubslav von Stechlin, lebt auf Schloss Stechlin, am gleichnamigen See, und stirbt schliesslich. Der Konservative sieht an seinem Lebensabend eine neue Zeit aufziehen. Der Adlige spürt, wie die Industrialisierung den Aufstieg von Bürgertum und Arbeiterschaft einleitet. Er nimmt es fast schon neugierig hin, denn er denkt in grossen Zügen und ist auch sonst generös genug, das Konservative nicht zum Mass aller Dinge zu erheben. «Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein.» Still freut sich der Major sogar über seine Niederlage gegen einen sozialdemokratischen Mitbewerber bei den Reichstagswahlen.

Der stilvolle Major von Stechlin und der Stilist Fontane: Deren Buch schenkte mir mein Deutschlehrer Peter Wolf, als ich vierzehn war: «Noch bist du zu jung, irgendwann wirst du den Band lesen und lieben.» Jahre später griff ich zum «Stechlin», seither immer wieder. Der bereits vom Tod gezeichnete Fontane lässt im Roman eine junge Gräfin sagen: «Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollten wir lieben, aber für das Neue sollten wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollten wir, wie der Stechlin uns lehrt, den grossen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschliessen heisst sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.»

Das vorgestellte Werk Der Stechlin von Theodor Fontane (Manesse). Bestellen.

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So schön, dass man die Sätze zweimal liest

Vernarbte Herzen von M. Blecher

Empfohlen von: Brida von Castelberg (Co-Chefärztin der Frauenklinik Triemli in Zürich)

Auf dieses wunderbare Buch wurde ich durch eine Besprechung in der Zeitung aufmerksam: Emanuel, ein Chemiestudent aus Rumänien, erfährt in Paris, dass er an Knochentuberkulose leidet. Wenige Tage später wird er in ein Sanatorium in Berck an die französische Küste gebracht und kann fortan sein Leben nur noch liegend verbringen, eingegipst von Brust bis Hüfte. Im Speisesaal des Sanatoriums betrachtet er die Kranken in ihren Betten wie in einem Theater, wechselt selbst auch von einer Wirklichkeit zur andern. Im Sanatorium gibt es ein «normales Krankenleben»: Es werden Feste gefeiert, Ausflüge in die Dünen unternommen, Emanuel lässt sich auf eine heftige Liebschaft mit einer Gesunden ein. Das Buch endet nach einem Jahr mit dem Umzug in ein Schweizer Sanatorium in den Bergen.

Der Autor, der an der gleichen Krankheit litt und ab dem 20. Lebensjahr bis zu seinem frühen Tod zehn Jahre fast ausschliesslich liegend verbrachte, beschreibt die Welt der Kranken mit einer aussergewöhnlichen Sensibilität für die Innen- und Aussenwelt und ganz ohne Selbstmitleid. Er beschreibt Momente der extremen Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch «wie viel Glück im Unglück noch bestehen kann». Die Sprache, mit der er Stimmungen in den Dünen oder eine banale Wand im Sanatorium beschreibt, ist so schön, dass man die Sätze zweimal liest. Als Ärztin einmal so tief in die Welt der Kranken einzutauchen, ist lehrreich und macht betroffen. Diese Betroffenheit kommt hoffentlich anderen Kranken wieder zugute.

Das vorgestellte Werk Vernarbte Herzen von M. Blecher (Suhrkamp, 2006). Bestellen.

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Ein Mutmacherbuch

Popstar in 100 Tagen von Christian Hentschel

Empfohlen von: Irene Brügger (alias Frölein Da Capo) (Musikerin)

Vor die Aufgabe gestellt, ein Buch vorzustellen, das mich geprägt hat, hatte ich erst mal zu grübeln. Zwar einiges an Literatur konsumierend, fand ich das Wort «prägend» dann doch etwas gross. Letztlich habe ich mich für ein Buch entschieden, das ich einst gekauft habe, weil der Titel so wunderbar grossmäulig daherkam. Als ambitionierte Hobbymusikerin wollte ich wissen, was der Herr Hentschel – deutscher Musikfachmann – denn da für Tipps hat, um es in 100 Tagen zu was zu bringen… und es stellte sich heraus: Was da dem Titel nach wie ein Castingshowleitfaden klingt, ist ein witziges Werk. Einfallsreiche Ratschläge, 100 an der Zahl, von denen man sich als Garagenband einige zu Herzen nehmen sollte, wenn man vorhat, auch mal ausserhalb des Pfarreiheims aufzutreten… vielleicht ja sogar mit Publikum. Der Autor beschränkt sich aufs Drumherum – der künstlerisch-musikalische Teil wird ausgespart. Enthalten sind Ideen, um seine Band bekannt zu machen, um an Auftritte zu kommen, Vertragliches, Werbetechnisches, Urheberrechtliches… Das Internet wurde weitgehend ausgeklammert (altes Buch halt). Kurz: Es geht um die trockene Arbeit rund um die Kunst, die so vielen Künstlern ein Graus ist, ohne welche die Kunst an sich aber wenig Sinn macht. Ich fand das Buch damals so schön, weil es gut tat zu sehen, dass alle mit den gleichen Problemen kämpfen. Dass sich alle mal durch leere Turnhallen spielen mussten und dass auch andere für eine Kiste Bier und einen kurzen Gig viele Kilometer weit fuhren… Ein Mutmacherbuch. Mit einem bescheuerten Titel. Aber prägend.

Dieses Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.

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Westflügel im Dezember

Den ganzen Monat: 3 gute Gründe für einen Besuch

Alle Bücher der ersten 5 Jahre Echtzeit Verlag, von den Kaltenbach-Kochbüchern über Michèle Rotens «Wie Frau sein» bis zu «Yello» mittlerweile über 50 Titel.

Das limitierte Hörbuch Triptychon von Christian Kracht aus dem swissandfamous Verlag. «Das am schönsten gestaltete Hörbuch des Jahres. Und mit seinen Protagonisten Kracht, von Lowtzow, Kamerun und Meier auch das coolste.» Vogue

Der «Magazin»-Loro von INCH. Kein Mensch braucht einen Beistelltisch — bis man dann mal einen hat. Loro ist 74 cm hoch und hat einen Durchmesser von 42 cm. Und wissen Sie was? Er ist nicht nur schön, sondern auch schön praktisch.

Sonntagsverkauf 4. und 18. Dezember von 11 bis 18 Uhr. Wir freuen uns über zahlreiche Besucher.

Menschen begleiten

Verliebte Feinde von Wilfried Meichtry

Empfohlen von: Corine Mauch (Zürcher Stadtpräsidentin)

Ich bin froh, heisst die Rubrik «Ein Buch fürs Leben» und nicht «Das Buch fürs Leben». Das erlaubt es mir, für einmal nicht Walther Kauers «Spätholz» zu zitieren, vom Tessiner Bergbauern Rocco, der den Nussbaum seiner Eltern gegen Spekulanten verteidigt. Auch «Dshamilja», die wunderschöne Liebesgeschichte aus Kirgistan, kann ich für einmal übergehen. Oder zahllose wichtige Sachbücher, die sich mit unserer turbulenten Gegenwart und brennenden Zukunftsfragen auseinandersetzen.

Ich lese gerne Biografien. Sie erlauben es, Menschen gedanklich auf ihrem Lebensweg ein Stück weit zu begleiten und uns unmittelbar in ihre Zeit zu versetzen. Wilfried Meichtry wagt sich mit «Verliebte Feinde» an zwei eindrückliche Persönlichkeiten heran. Iris Meyer, aus gut situiertem, bürgerlich-protestantischem Elternhaus, und Peter von Roten, Spross einer angesehenen, vom Katholizismus durchdrungenen Politiker-Familie aus Raron, lernen sich vor Kriegsausbruch im Jusstudium in Bern kennen. Die grundverschiedenen Lebensgefährten verfolgen ihre Ideale und Wertvorstellungen in unerbittlicher Gradlinigkeit und Konsequenz, mit- und gegeneinander, und immer in grösstem Respekt und Offenheit.

Aus tiefer Überzeugung kämpfen sie für Gleichberechtigung und gegen vorgegebene Rollenmuster. Iris von Roten exponiert sich mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» früh und radikal und ist damit ihrer Zeit meilenweit voraus. Wer traditionelle Werte infrage stellt, muss natürlich einstecken. Iris und Peter von Roten erleben vehemente Anfeindungen und Rückschläge. Das Buch wird jetzt verfilmt.

Dieses Buch erscheint im Februar 2012.

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Camus hat mich bis heute nicht enttäuscht

Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus

Empfohlen von: Michael Hermann (Politologe)

«Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Mit diesem Satz endet der Essay «Der Mythos des Sisyphos» von Albert Camus, der im französischen Original klangvoller «Le mythe de Sisyphe» heisst. Das Buch kulminiert punktgenau im letzten Satz. Es ist Camus’ gesamte «Philosophie des Absurden», die in diesem einen Satz des glücklichen Sisyphos eingeschrieben ist.

Ich hatte Camus’ Werk an der Schwelle zum Erwachsenenalter verschlungen. In einem Alter also, in dem ein Buch im wahrsten Sinn fürs Leben sein kann. In dem wir jedoch auch besonders empfänglich sind für ein Pathos, das uns später befremdet und gar peinlich ist. Jedes Mal, wenn ich zu Camus greife, tue ich dies mit der leisen Angst, die in meinen Jugendjahren markierten Stellen würden mir plötzlich hohl oder affektiert erscheinen.

Doch Camus hat mich bis heute nicht enttäuscht. Seine Sätze, die von einer tiefen Menschlichkeit und einem stupenden Sinn für Ästhetik zeugen, setzen keine Patina an. Mit seiner Interpretation des Sisyphos, aber auch mit Dr. Rieux, dem atheistischen Arzt, der in «Die Pest» gegen die unheilbare Seuche ankämpft, hat Camus Figuren geschaffen, die der Absurdität unserer Existenz nicht zu entfliehen versuchen und doch — vielleicht auch gerade deshalb — frei und glücklich sind. Oder wie Camus über Sisyphos schreibt: «Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich.»

Das vorgestellte Werk Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus (rororo, 2011). Bestellen.

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Der «Magazin»-Loro von INCH

Kein Mensch braucht einen Beistelltisch — bis man dann mal einen hat. Loro ist 74 cm hoch und hat einen Durchmesser von 42 cm.

Und wissen Sie was? Er ist nicht nur schön, sondern auch schön praktisch.

Der Magazin-Loro von INCHfurniture kann ab sofort im Westflügel, Viaduktstrasse 21, in Zürich zum Vorzugspreis von 760 Franken gekauft werden. Oder Sie bestellen per Mail oder telefonisch: info@westfluegel.ch, +41 79 963 88 82

Wie ein Glas Champagner

Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell

Empfohlen von: Helme Heine (Kinderbuchautor)

Wer Geschichte langweilig findet, sollte die «Kulturgeschichte der Neuzeit» von Egon Friedell lesen. Es gibt kein unterhaltsameres, lesenswerteres geschichtliches Werk. Seit 50 Jahren lese und stöbere ich darin. Man kann irgendeine Seite aufschlagen und liest sich sofort fest.

Egon Friedell folgt Nietzsche, der behauptet hat: «Aus drei Anekdoten ist es möglich, das Bild eines Menschen zu geben.»

Friedell weiss, dass alle Geschichte Legende ist, denn jedes Zeitalter bewertet die Vergangenheit neu. (Der Barockmaler Raphael Mengs galt zu seinen Lebzeiten als der grösste Maler aller Zeiten. Heute kennt ihn niemand mehr. Die Jungfrau von Orléans wird von den damaligen Chronisten mit keinem Wort erwähnt. Stalin und Mao wurden vor kurzem noch fast heiliggesprochen. Heute sehen wir sie mit neuen Augen.)

Friedell unternimmt deshalb erst gar nicht den Versuch, objektive Geschichte zu schreiben. Er nimmt Spengler wörtlich: «Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man dichten. Alles andere ist unrein.»
Es ist das Buch eines universal gebildeten Menschen. Egon Friedell war kein studierter Historiker. Er war Philosoph, Kabarettist, Theaterkritiker, Conférencier, Journalist und Schriftsteller, der unsere Vergangenheit in einer funkelnden, sprühenden Sprache schildert und sie mit Witz und grosser Weisheit betrachtet. Es ist ein Kleinod von 1500 Seiten, nie langweilig, nicht detailverliebt, nie belehrend. Es ist wie ein Glas Champagner.

Das vorgestellte Werk Kulturgeschichte der Neuzeit Egon Friedell (C.H. Beck, 2008). Bestellen.

Das aktuelle Buch von Helme Heine Freunde wie du und ich (Beltz & Gelberg, 2011). Bestellen.

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Lesegenuss

Sang-e Sabour von Sadeq Chubak

Empfohlen von: Ashgar Farhadi (Drehbuchautor und Regisseur)

In meiner Jugend las ich den Roman Sang-e Sabour von Sadeq Chubak, einem für die iranische Literatur bedeutenden Schriftsteller. Auch wenn es nicht der wichtigste Roman ist, den ich bisher gelesen habe, erinnere ich mich doch sehr gut an den Lesegenuss.

Sang-e Sabour ist ein umfangreicher Roman. Ich habe ihn trotzdem in knapp einer Woche gelesen. Seine Charaktere und seine Atmosphäre begleiteten mich sehr lange. Für mich war das Lesen einer solch vielschichtigen Geschichte mit so vielen Charakteren und komplizierten Verknüpfungen in dem Alter nicht leicht. Was mich aber anzog und meine eigene Arbeit später indirekt beeinflusste, war der teilnehmende Blick des Schriftstellers auf die Charaktere und ihre schwierigen Umstände. Auf Persönlichkeiten mit traurigen Schicksalen, die sie selbst am wenigsten verschuldet hatten. Manchmal denke ich, dass dieses Buch meiner Jugend ein Grund für die soziale Perspektive meiner Filme ist.

Mit diesem grossartigen Werk pflanzte Chubak zum ersten Mal den Wunsch in meinem Herzen, Geschichten zu erzählen. Woran ich mich nach so vielen Jahren erinnere, ist der Ton und die Art der Dialoge. Die Geschichte spielt in Schiras. Die meisten Charaktere sind gesellschaftliche Randfiguren, auf die in der Realität niemand achtet. Durch diesen Roman aber finden wir Zugang zu den Tiefen ihres Inneren. Der Beweis für den Einfluss dieser Geschichte auf mich ist, dass ich mich nach mehr als 25 Jahren noch an das Gefühl, das ich damals beim Lesen empfand, erinnere – ich trage es noch immer in mir.

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